Gewinn und Verlust
Ein dem Menschen innewohnendes Phänomen ökonomischer Irrationalität, das mir auch schon öfters aufgefallen ist, beschreibt der bloggende Marketingguru Seth Godin anhand einer auf den ersten Blick dumm erscheinenden Gutscheinaktion:
Fear of loss, desire for gain
In der ökonomischen Theorie gibt es keinen entscheidungsrelevanten Unterschied zwischen den beiden folgenden Szenarien:
Szenario 1
X Geldeinheiten sparen, dafür auf Gut Y verzichten.
Szenario 2
Verzicht auf einen Gewinn von X Geldeinheiten, dafür Gut Y behalten.
Würde sich ein homo oeconomicus in Szenario 1 für das Behalten des Gutes entscheiden, so würde er dieses Gut auch in Szenario 2 behalten wollen.* Denn es ist ja immer die gleiche Frage: Sind mir X Geldeinheiten mehr Wert als das Gut Y?
In der Realität kann es jedoch vorkommen, dass sich durchaus vernünftige Mensch anders verhalten, dazu zwei anekdotische Beispiele:
1.
Der Weltraumpapst geht zu einem Konzert von Disaster Area.
Am Weg dorthin bieten ihm Leute 100 ECU für sein Ticket, das ihn vielleicht ein Drittel dieses Betrags gekostet hat. Trotzdem lehnt er ab, denn er freut sich schon Hotblack Desiato endlich live zu sehen (wenn auch aus einem halben Lichtjahr Entfernung).
Aaaaber:
Wäre er selbst ohne Ticket dort hingekommen, und hätte erfahren, dass er nur mehr eines um 100 ECU kaufen kann – er hätte es sicher nicht gemacht. Er zahlt doch nicht das Dreifache des eigentlichen Preises!
Dabei war es beide Male die gleiche Frage: Besitzt du lieber 100 ECU mehr oder siehst du lieber das Konzert?
2.
In seiner Jugend befand sich der damalige Weltraumprediger manchmal auf Reisen mittels Interstellarrail. Es ergab sich dabei einmal folgende Situation:
Vor der Entscheidung stehend, mit einem Raumkreuzer zu reisen, der mit IR-Ticket gratis war, bei dem man aber einmal mitten in der Nacht umsteigen musste, und einem vergleichbaren Raumkreuzer, der ohne Umsteigen zur Wunschdestination führte, bei dem aber ca. 100 Schülling Aufpreis zu entrichten waren, fiel die Wahl auf letzteren.
Nach einiger Fahrzeit mit dem Kreuzer fragt der Weltraumprediger jenen Mitreisenden, der besonders stark für die Variante ohne Umsteigen argumentiert hat:
“Wenn jetzt jemand käme, und dir für ein Umsteigen mitten in der Nacht 100 Schüllig bar auf die Pfote bietet – würdest du das annehmen?”
Wie sich der ausgefuchste Leser wohl denken kann, war die Antwort “ja”.
* Vorausgesetzt die Beträge sind nicht besonders hoch, denn andernfalls könnte der mit dem Geldbetrag verbundene Nutzen variieren.
So würden die Meisten eine Wette annehmen, wo sie zu 50% 1 ECU gewinnen und zu 50% 1 ECU verlieren; aber ablehnen wenn bei der gleichen oder sogar besseren Gewinnchance sehr große Summen auf dem Spiel stehen. Denn 500.00 ECU reicher bedeuten nicht so viel zusätzlichen Nutzen, wie 500.000 ECU Schulden Leid verursachen würden. Stichwort: Risikoaversion